3. Oktober 2010

Tetsuo - The Bullet Man (Shinya Tsukamoto) 6,60




Shinya Tsukamotos dritter Tetsuo-Film wird im Internet bislang quasi von jedem, der ihn gesehen hat, schlecht bewertet. Einen Eindruck, den ich nicht teilen mag, obwohl vor allem die erste Hälfte tatsächlich sehr befremdlich (nämlich im Sinne von: für diesen Ausnahmefilmemacher zu wenig befremdlich, zu kühl, zu wenig verstörend!) und recht mager geraten ist.

Aber spätestens mit einer atmosphärischen Szene, in der der Regisseur, der in vielen seiner Filme auch selbst tragende Rollen spielt, sich selbst als wahnhaften Psychopathen inszeniert, beginnt auch Tetsuo – The Bullet Man wieder endgültig in diesen schönen, faszinierenden Irrsinn hineinzufallen, der fast alle Filme des Japaners auszeichnet.

Auf anderen Seiten kann man also einiges an negativen Eindrücken zum Film lesen, so etwa Vorwürfe, Tsukamoto hätte diesen Teil bloß in englischer Sprache gedreht, um mehr Geld zu verdienen oder sich einem größeren Markt anzubiedern, was aber doch zu vereinfachend scheint. Zudem sollte sich die Enttäuschung über einen weiteren, eher flachen Tetsuo-Teil für Vergötterer des herausragend schmetternden, verstörenden ersten Films alleine deshalb schon in Grenzen halten, da bereits die Fortsetzung von 1992, 3 Jahre nach Teil 1, jenem schon nicht mehr viel Neues hinzufügen konnte. Da scheint eine zusätzliche Ergänzung zum ursprünglichen Tetsuo – The Iron Man mit soviel zeitlichem Abstand eigentlich noch viel vertretbarer.

Tsukamoto in seiner Rolle, so scheint es, ist getrieben vom Wunsch getötet zu werden, und zwar durch den zum Bullet Man gewordenen Anthony, eine groteske Gestalt, die in den verschiedenen Stadien seiner metallenen Transformation (ob Zufall oder Absicht ist schwer zu sagen) an diverse Filmfiguren wie Hulk, Hellboy, eine Art deformiertes Aphex Twin Monster und schließlich an Predator erinnert. Und letztlich ist es der schauspielernde Filmemacher vielleicht auch (wenn man den Film so lesen mag), durch den Anthony sich am Ende wieder von seinen monströsen Auswüchsen befreien, diesen schrecklichen Bullet Man aus seinem Leben verbannen kann - ebenso wie Tsukamoto sich damit endgültig von dieser Kultfigur trennt?

Das skurrile Ende, das den wieder rundum glücklichen Anthony einer pöbelnden Gang gegenüberstellt, es jedoch zu keinem (eigentlich erwarteten) Wutausbruch oder einer abschließenden Irritiation kommen lässt, wirkt extrem ironisch; nämlich sehr optimistisch und gar fröhlich, also Eigenschaften, die im Tsukamoto-Universum sonst kaum auftreten. Was auch immer den Regisseur dazu getrieben hat, einen weiteren Tetsuo-Film zu drehen: dieser dritte Teil hat sehr wohl auch seine Momente, Intensität und wieder das eine oder andere wohlig Kryptische zu bieten, um nicht gänzlich zu enttäuschen und sich immer noch von misslungenen, uninspirierten Horror- oder Sci-Fi-Produktionen abzuheben.

Einen lauten und hämmernden Tetsuo mal im Kino sehen zu können, ist eben eine Erfahrung, die man durchaus genießen kann; auch wenn der Film fast schon glatt ausgefallen ist und lange relativ blass dahineiert, bis die oben angesprochene Szene den Wahnsinn endlich pulsieren lässt: er scheint etwas in sich zu tragen, das nach einer Sichtung vermutlich noch gar nicht erarbeitet werden kann und auch den Verfasser dieser Zeilen noch vor das eine oder andere Rätsel stellt. Uninspirierter, uninteressanter Müll, wie von einigen Kritikern und Fans im Netz geschrieben, ist Tetsuo-The Bullet Man, wenn auch als schwächster Teil der Reihe, jedoch garantiert nicht.

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